Das neue Heben & Tragen
Wird das Exoskelett bald die Norm beim Umzug?
Schwere Lasten, schwere Folgen.
Insbesondere wenn Großstücke oder schwere Lasten bewegt werden müssen, ist das eine Belastung, die der Körper nicht vergisst. Dabei sind einseitige Belastungen und falsche Bewegungsmuster hauptsächlich für Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) verantwortlich. Laut Fehlzeitreport 2021 des WIFO fallen Arbeitnehmer bei Muskel-Skelett-Erkrankungen pro Krankenstand zirka 15 Tage aus, wobei sich die jährliche Kostenlast für österreichische Betriebe auf 272 Millionen Euro beläuft.
Exoskelette: Vom Militär zum Arbeitsplatz – Innovationen und offene Fragen
Ursprünglich für den Einsatz beim Militär entwickelt und in weiterer Folge in der medizinischen Rehabilitation eingesetzt, hat der Exoskelett-Markt in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Die Erwartungshaltung ist dabei groß: Exoskelette, also am Körper getragene Assistenzsysteme, unterstützen bestimmte Bewegungsabläufe, wie zum Beispiel das Heben und Absenken von Lasten. Bei Exoskeletten wird in zwei Kategorien unterschieden: Das aktive Exoskelett verleiht dem Nutzer mehr Kraft und Mobilität. Zudem verfügen sie zusätzlich über aktive Antriebskomponenten. Passive Exoskelette hingegen unterstützen den Körper nur mit mechanischen Elementen, unds ind somit leichter und flexibler.
Da es marktfähige Exoskelette noch nicht so lange gibt, fehlten aktuell noch Langzeitstudien und damit auch Wirksamkeitsnachweise in realistischen Arbeitsprozessen. Das Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik IML, ein anwendungsnahes Forschungsinstitut, beschäftigt sich daher unter anderem mit folgenden Fragen: Welche Wirkung hat ein Exoskelett bei welcher Tätigkeit? Wie beeinflussen unterschiedliche Exoskelett-Modelle den Bewegungsablauf? Wie ist die User Experience und der Tragekomfort der Exoskelette? Welche langfristigen Auswirkungen hat das Tragen eines Exoskeletts auf die Muskelaktivität? Mittels Vitaldatenmessung wird außerdem daran gearbeitet, die physische Be- bzw. Entlastung in Zahlen zu beschreiben.
Exoskelette im Praxistest beim Umzug: Zwischen Skepsis und beeindruckenden Ergebnissen
Die Möbelspedition Domberger aus Augsburg verwendet seit knapp einem Jahr Exoskelette im Tagesgeschäft Umzug. Im Gespräch mit der möbelspediteur zieht Geschäftsführer Christoph Domberger ein erstes Resümee über den Einsatz des passiven Exoskeletts BionicBack von hTRIUS: „Einige sind überzeugt und tragen sie so oft wie möglich. Andere finden das eher uncool und möchten trotz der positiven Berichte ihrer Kollegen keine Exoskelette beim Umzug tragen. Die Skeptiker unter den Mitarbeitenden kommen leider erst dann auf das Exoskelett, wenn der Rücken weh tut…“.
Wir haben bei hTRIUS nachgefragt: Während seiner Entwicklung durchlief das BionicBack Exoskelett umfassende Tests und Studien im Labor der ETH Zürich, Hochschule Offenburg und Universität Innsbruck sowie direkt bei Endkunden. Die Untersuchungen konzentrierten sich darauf, die Muskelermüdung und -entlastung zu messen. „Die Ergebnisse waren beeindruckend“, so Verena Junt, Marketing Managerin bei hTRIUS: „Die Muskelaktivität konnte um bis zu 30 Prozent reduziert werden, während die Muskelermüdung sogar um bis zu 86 Prozent abnahm. Zudem verlängerte sich die durchschnittliche Haltezeit um 55 Prozent, was dazu führt, dass die Anwender länger fit und leistungsfähig bleiben.“ Das BionicBack ist das weltweit erste Exoskelett, das mit dem renommierten AGR-Gütesiegel (Aktion Gesunder Rücken e.V.) „Geprüft & empfohlen“ ausgezeichnet wurde. Diese Auszeichnung ist ein bedeutender Meilenstein, der die Wirksamkeit und ergonomische Qualität des Exoskeletts durch unabhängige Experten bestätigt. Darüber hinaus wird diese Auszeichnung nur an Produkte verliehen, die als besonders rückengerecht eingestuft werden und somit die Rückengesundheit nachhaltig fördern.
Ähnlich beeindruckende Zahlen veröffentlicht auch das deutsche Unternehmen German Bionic auf seiner Homepage. Use-Case war ein Unternehmensumzug mit 4 Mann der Umzugsfirma H. Weissenhorn & Cie. GmbH. Im Einsatz waren KI-basierte Exoskelette Apogee, die mit bis zu 36 Kilogramm pro Hebevorgang unterstützen und zudem mit aktiver Laufunterstützung, beispielsweise beim Treppensteigen, unterstützen. Ergebnis laut Hersteller: zwei Tonnen Gewichtskompensation pro Tag.
Leicht, praktisch, sexy?
Den Einsatz von Exoskeletten testet aktuell auch die PORR bei einer Baustelle in Hirm und der Paketdienst Hermes in Deutschland. Auch hier gibt es bereits erste Fazits zur Praxistauglichkeit: Exoskelette müssen leicht sein, unkompliziert anzulegen und maximale Bewegungsfreiheit bieten. Anforderungen, die die Hersteller da wie dort zum großen Teil bereits erfüllen. Ob Exoskelette in Zukunft zum gesundheitsfördernden It-Piece im Möbler-Alltag avancieren, wird sich zeigen. Fix ist jedoch: Ob Exoskelette oder andere Maßnahmen zur langfristigen Gesundheitssicherung, gefragt sind Ideen und Konzepte, die auch Skeptiker mitnehmen – frei nach dem Motto „Gesund ist das neue Sexy“.
PS: Wenn sich ein Unternehmen für die Anschaffung eines Exoskeletts entschieden hat, berät die AUVA bei der Auswahl und sowohl mit einer Gefährdungsbeurteilung inklusive Bewegungsanalyse vor der Anschaffung als auch mit einer Risikobewertung, wenn die Exoskelette bereits im Einsatz sind.
Credits und weiterführende Infos
- Fotos: hTRIUS GmbH
Weiterführende Informationen:
- IML – Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik: Exoskelette – Hilfreiche Rüstungen in der Logistik 4.0
- AUVA: Die Rolle von Exoskeletten im ArbeitnehmerInnenschutz
- burgenland ORF.at: Exoskelette für Bauarbeiter im Test
- hTRIUS GmbH: htrius.com
- GermanBionic: Umzugsfirma DMS Weissenhorn entlastet Möbelpacker mit KI-basierten Exoskeletten
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